Spontanfestival vom 1.Mai

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3. Mai 2013

10+5: Grüne Gespenster – wozu ein Spontanfestival?!

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Dieser Beitrag wurde vom Redakteur*innen- und Autor*innenkollektiv 10+5 verfasst, welches die Veranstaltungsreihe der neuen Dringlichkeit vom 1.5. bis 5.5. journalistisch begleitet.

Sag „Sponti“ heute und ich frag mich, ob Joschka Fischer dazu angestiftet hat, Mollis auf Bullen zu schmeißen. Sag „Sponti“ heute und ich frag mich, was Daniel Cohn-Bendits Position zu Pädophilie ist.
Gestern sind die Spontis noch der antiautoritäre sozialistische Flügel gewesen, der an die Spontaneität der Massen glaubte, anstatt an die politische Avantgarde-Partei. Ob gestern oder heute, wenn wir ein spontanes Festival so wie vorgestern feiern, dann gibt es dort keine Spontis.

Die Spontis haben die situationistische Stoßrichtung in die Sackgasse geführt. Die Inszenierung politischer Ereignisse als Happening für den Zweck, ein politisches Gegenmilieu zu erschaffen, wird inzwischen bloß noch in das Medienspektakel der Reaktion eingeebnet. Heute das Kriegsbeil ausgraben – und der Kameramann bittet, sich ein bisschen mehr ins Licht zu drehen.

Die Situationisten hingegen haben den Fehler gemacht, ihren Kampf für eine bessere Welt mit und durch eine andere Lebensform nicht klar genug von der Inszenierung eines Lifestyles abzugrenzen. Die Lebensform zum Dreh- und Angelpunkt eines politisches Ansatzes zu machen ist vor dem Hintergrund der historischen Situation verständlich gewesen: Leben besteht aus Arbeit und passiv machender Freizeit. Freizeit, die mit Medienspektakel gefüllt wird, d.h. durch Medienspektakel entleert wird, um die Menschen am arbeiten zu halten.
So erscheint die Wendung zur aktiven Aneignung der eigenen Situationen des Lebens – in ihrer Ästhetik, durch Ästhetik – als subversive Strategie. Aber „unter dem Pflaster liegt der Strand“ bedeutet heute nur noch, dass wir Club-Mate trinken, ganz egal, wem es gehört und wie es produziert wird – solange es nur Teil eines alternativen Lifestyles ist.

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Wer meint, die Situationisten und Spontis seien tot, hat sich eben gewaltig geirrt. Sie sind lebendiger denn je. Wir sind alle Situationisten und Spontis, indem wir versuchen, durch Selbst- und Lebensinszenierung authentische Momente zu erschaffen. Dazu kann ein Spontanfestival wie das von neue Dringlichkeit eine Alternative bieten: die individuelle Inszenierung mit dem Konzept radikaler Gleichheit zu unterlaufen – radikal gleich, weil selbst denjenigen, die nicht anwesend waren, Raum verschafft wurde; aber auch den individuellen Beitrag in den Dienst einer gemeinsamen inhaltlichen Frage zu stellen und nicht in den Dienst eines bloßen Happenings. So wurde es möglich, eine Vielfalt radikaler Lebensformen, Dringlichkeiten, Handlungsmöglichkeiten offen und undogmatisch zu diskutieren.

Die Zeit der Sonne und der tausend Farben ist vorbei. Wir fangen wieder beim Rot des Tagesanbruchs an! Für die Freiheit der Schweiz – nieder mit den Bergen!

3. Mai 2013

10+5: Ein Bericht über das Spontanfestival

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Dieser Beitrag wurde vom Redakteur*innen- und Autor*innenkollektiv 10+5 verfasst, welches die Veranstaltungsreihe der neuen Dringlichkeit vom 1.5. bis 5.5. journalistisch begleitet hat.

„Was würden sie arbeiten wollen, wenn Sie nicht müssten?“ fragt Sophie Honig in den voll besetzten Saal der Südbühne der Gessnerallee. Beim Spontanfestival der „neuen Dringlichkeit“ in der Südbühne der Gessnerallee stellt sie ihre Arbeit für ein bedingungsloses Grundeinkommen vor. Geld sei dabei als etwas zu begreifen, was Möglichkeiten schafft.

Die vielfältigen Möglichkeiten, die Geld für eine Auseinandersetzung im Theater anbietet wurden an diesem Abend sehr deutlich und lassen mit Spannung auf die kommenden Tage und Wochen von „let’s talk about money, honey“ blicken. Neben einmaligen Aufführungen, wie jener von Sophie Honig, gestalteten auch KünstlerInnen, die in den kommenden Tage mit längeren Aufführungen noch mal zu sehen sind.

Da wäre beispielsweise Nora Jacobs, die als Auftakt draußen den Tropfen des Regens und den Schwierigkeiten des Schwitzerdütschen trotzte und die Leute als Starlet zum lachen brachte. „A STARLET – Pulli mit Nichts drauf“ läuft in den folgende Tagen bis zum dramatischen Höhepunkt am Sonntag jeweils um 14 Uhr.

Eirini Sourgiadaki, Samstag in „My first tic tac of all your seconds – Nobody’s story or no story at all“, erzählte und bebilderte eine Geschichte über Migration, Grenzen und Liebe als Möglichkeit der Grenzüberwindung. Grenzen, die die diskriminierende Einwanderungspolitik, aber auch den persönlichen Umgang mit benachteiligten Menschen durchziehen, thematisierte auch Lea Whitcher. Nachdem die Zuschauer mit geschlossenen Augen von ihrem meditativen Gesang im Paradies willkommen geheißen wurden, forderte sie plötzlich von allen Nicht-Schweizern aufzustehen und wie bei einem Verein, Eintritt für dieses Paradies zu bezahlen. Der Effekt war die Konfrontation mit in der Schweiz wie in vielen westlichen Ländern sich verstärkender Xenophobie, die durch Leas absurde Überspitzung des Themas ihrer Lächerlichkeit entlarvt wurde.

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Entgegen gewohnter Grenzen, betonten viele der kurzen Aufführungen die Offenheit der Veranstaltungsreihe.
Diese kam bereits in der Unterschiedlichkeit der Beiträge zum Ausdruck: vorgelesene literarische Texte, per Email eingesandte Beiträge bis zu einer agitatorischen revolutionären Rede gegen den Kapitalismus der Gegenwart. Dieser zieht sich als Thema durch die Aufführungen. Die vielleicht aufwendigste bot eine Theatergruppe aus Lörrach, die verschiedene Spiele zum Thema Geld darstellte. Da wurde Geld entwertet, und darüber diskutiert, an Hubschraubern befestigten Geldscheinen hinterhergerannt, und Phrasen gedroschen: „Stopp. Auf Pizza ist nur Analog-Käse“. Eine Erinnerung bei all dem Theater an den Alltag. Die Bedeutung des Geldes für den Alltag bleibt in den kommenden Tagen Thema bei Diskussionen und Darstellungen, u. A. von Hanna Podig.

Alle sind dazu eingeladen, um das Thema Geld, das zu leicht hinter den Türen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten verschwindet, wieder zur Verhandlung zu stellen. „Das können nur die Laien. Die Frage ist, ist das beim Theater vielleicht auch so?“ Lea Whitchers aus dem Kontext gerissenes Zitat, bleibt als Frage bei „let’s talk about money, honey“ im Hintergrund präsent. Das Spontanfestival war der Startschuss für eine spannende Auseinandersetzung mit Theater, Geld und den Möglichkeiten der Freiheit im und gegen den heutigen Kapitalismus.

4. Mai 2013

10+5: Kein Bericht über das Spontanfestival

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Dieser Beitrag wurde vom Redakteur*innen- und Autor*innenkollektiv 10+5 verfasst, welches die Veranstaltungsreihe der neuen Dringlichkeit vom 1.5. bis 5.5. journalistisch begleitet hat.

Diese Notiz ist kein Ersatz für all jene, die lediglich nicht da waren. Denn ich berichte nicht über die dargestellten Ideen zum Thema Geld. Dem Anspruch, Ereignisse detailgetreu wiederzugeben und die wesentlichen Inhalte zu berichten entzog sich das Spontanfestival konsequent, ganz so wie sich die Occupy-Bewegung einer klassischen journalistischen Berichterstattung entzog. Die vielleicht radikalste Idee des Spontanfestivals war es, einen Raum zu schaffen und einfach „zu gucken was kommt” – und es kam viel und aufregendes. So richte ich mich gerade an jene, die da waren, aber wie ich noch nachsinnen – aber auch an jene, die nicht kommen wollten. Ich möchte nur kurz eine wesentliche, dem Festival zu Grunde liegende Idee festhalten, die ich die Idee radikaler Gleichheit nenne.

Diese zeigte sich vor allem so: Alle Menschen fanden Raum, soviel sie brauchten um ihre mehr oder weniger spontane Darstellung ihrer Idee und ihres Standpunktes zu präsentieren. Damit waren diese Menschen nicht nur formell gleich in einem abstrakten, rechtlichen oder moralischen Sinne, sondern tatsächlich gleich in dem anspruchsvollen Sinne, dass sie gleiche Anerkennung erfuhren – selbst Menschen, die nicht körperlich anwesend sein konnten, erhielten Raum. So konnte Geld (schau-)spielerisch und ernsthaft aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und thematisiert werden. Davon inspiriert wurde eine Gesprächsrunde möglich, in der keine Position dogmatisch wurde.

Dass dies möglich war, lag unter anderem an einer einfachen Tatsache: Es war kein Geld im Spiel.

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